ENTSTEHUNGSBEDINGUNGEN DES BÖSEN ANSÄTZE ZUR HEILUNG
Ich denke an einen Vater, der seine kleinen Kinder immer wieder vor für sie unlösbare Aufgaben stellt, ums sie dann zu bestrafen und zu verspotten, wenn sie am Unlösbaren scheitern. Ein sadistisches Lachen überkommt ihn, wenn er sich an der Verzweiflung und der Überforderung seiner Kinder ergötzt. - Seine eigene Erziehung war von Gewalt und Ohnmacht gekennzeichnet, die er nun weitergibt, gefangen im Zwang der Wiederholung.
Sein Kosmos ist ein feindseliger: Man muss hart und überlegen sein, um das Leben auszuhalten. Seine Kinder sollen das lernen, so wie er es musste. Trauer erträgt er nicht, macht ihn aggressiv, oder er wird hart und versteinert, wenn er keine Fluchtgelegenheit hat. Er verleugnet sein Leiden und verachtet es in seiner Umgebung.
Ursachen und Merkmale der Gewalt
Verleugnung, Ablehnung und Verachtung des Schmerzes und feiner Gefühlsregungen sind Ursachen und Entstehungsbedingungen von Gewalt und Destruktivität. Verleugnete und abgelehnte Ohnmacht wird umgedreht in zwanghaftes, beherrschendes Verhalten. Die Härte richtet sich meist sowohl nach innen (Selbstverachtung bei Versagen) wie nach aussen. Das existentielle Lebensgefühl hinter dieser Verachtung: ein als feindselig erlebter Kosmos; abgründiges Verlorensein, abgetrennt und abgestossen vom Ganzen. Dieses will meine Vernichtung. Durch Vorsicht, Schläue und Gewaltbereitschaft kann ich meinem vorzeitigen Tod entgehen. Die frühen Lebensbedingungen eines Menschen mit derartiger Lebenssicht sind leicht zu erahnen. Gewalt steht in Beziehung zu nicht eingestandener Not.
Schwächen erscheinen immer als Niederlage, Demütigung und Schande. Schwachsein bedeutet, mein Gesicht zu verlieren. Durch Dominanz und Überspielen entgehe ich der Schande des vermeintlichen Erniedrigtseins. Hitler verkörperte eben diese Abwehr. Seinen eigentlich zittrigen Arm winkelte er zu einer "Schraubzwinge" an. Einzelne Menschen, wie auch Gruppen und Völker unterliegen diesem Zwang und diesem Wahn zur Grösse und scheinbarer Überlegenheit, gespeist aus Angst und Minderwertigkeitsgefühlen. - Wann immer ein Volk seine babylonischen Türme errichtet: Seien wir wachsam!
Exodus
Wurden Adam und Eva aus dem Paradies verstossen oder haben sie das Paradies aus ihrem Herzen gestossen?
Werden wir Menschen von Gott bestraft oder leiden wir, weil wir uns abkapseln wie die kranke Zelle, welche sich aus dem Gesamtverband aller Zellen abgetrennt hat?
Ich meine, dass die zweite Variante der Wahrheit entspricht.
Ablehnung, Ausstossung und die Projektion dieser Abweisung auf einen "strafenden Gott" oder auf ein böses Schicksal oder bestimmte Gruppen von Menschen und die nachträgliche Verleugnung und Verdrängung dieses Abwehrvorganges verursachen das Aufkommen des Bösen.
Die Abweisung der Eigen-Verantwortung konstelliert den Feind. Das verdunkelte Eigene erscheint nun als Feind im Aussen, so wie die Abweisung geistiger und seelischer Zuwendungen meine Isolation und mein Misstrauen begründet und verstärkt.
Diesen Zustand kann man auch als Nicht-Wissen benennen. Er bewirkt Vereinzelung, Isolation und Einsamkeit und eine paranoide Sichtweise. Das auf Angst beruhende paranoide Lebensgefühl führt zur Bewaffnung und zu innerer und äusserer Aufrüstung. - Die Wieder-Erinnerung und Erkenntnis an die ursprüngliche Verbundenheit allen Lebens führt in das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit, wo tiefe Entspannung und Vertrauen ist.
Formen des Bösen
Mit dem Bösen meine ich nicht Untugenden, sondern anhaltende und massive Verletzung von Leben.
Der Prozess des Abschneidens führt u.a. zur Entstehung des Bösen und wirkt in ihm weiter.
Das Böse wirkt persönlich - individuell, wie auch strukturell. Es wirkt auf der Ebene der Gedanken und Gedankenkomplexe (negative Elementale (Daskalos), negative morphogenetische Felder (Sheldrake), wie auch auf der Ebene der Gesetzgebung, und der Taten.
Die Emotionen und Handlungen folgen den Grund-Gedanken. Ein Weltbild, das auf Feindseligkeit beruht, führt zu Grund-Gedanken, in denen unversöhnliche Gegensätze und Fronten postuliert sind. Sie bewirken dementsprechende Gefühle (Angst und Abwehrbereitschaft), Theorien und Verhaltensanweisen, die in der Regel auf Kontrolle, Beherrschung und Unterdrückung abzielen.
Es lassen sich drei Wirkungsweisen des Bösen unterscheiden:
Diabolisches Verhalten bewirkt Dualität und Spaltung, Abtrennung, polarisierendes Ausspielen. Teile des Lebens, die als fragil und verletzlich erscheinen, werden als unwertes Leben ab- und ausgesondert. Man entfremdet sich ihnen. Oft sind es Aggressionen und tiefe Liebesgefühle, die in den Schattenbereich abgedrängt werden. Sünde kann als Entfremdung und Absonderung verstanden werden. Nun werden aber nicht nur Schwächen und schmerzliche Gefühle ausgesondert, sondern auch Stärken, Begabungen, das eigene Licht. So können wir auch den Begriff der Sünde erweitern: Diese wäre demnach auch Abwendung vom eigenen Licht, von der eigenen Schönheit und Kraft. Zuwenig haben sich die psychologischen Theorien mit der Abwehr des eigenen Potentiales beschäftigt. Ein wichtiger Aspekt jeglicher Heilungsarbeit, wie Psychotherapie, besteht darin, Abgespaltenes zu re-integrieren, und zwar sowohl negative, wie auch positive Anteile.
Luziferisches Verhalten bedeutet ein Glorifizieren des eigenen Könnens und des Erfolges. Es ist ein Sich-selbst-genügen. Triumph nährt das "Strohfeuer". Gefühle der Bedürftigkeit, der Verlassenheit und Kleinheit werden ins Gegenteil verkehrt. Wir erinnern uns: Luzifer forderte Jesus auf, zu fliegen, um mit seinen Wunderkräften zu imponieren. Die andern Menschen sind Satelliten im eigenen Glanz. Auch hier erkennen wir das Moment der Abtrennung: Luzifer baut sein eigenes Reich auf.
Ahrimanisches Verhalten kann als Sucht zur totalen Kontrolle verstanden werden. Der "Maschinen-" und der "Warenmensch" ist manipulier- und steuerbar. Der Roboter, die virtuelle Gestalt, enttäuscht nicht. Auch hier ist leicht die Angst und Ablehnung vor Gebrechlichkeit, Unvollkommenheit, vor einer Welt des Werdens und Vergehens zu erkennen, zu der Sterben und Tod gehören. Die Unberechenbarkeit des Lebens wird verachtet und Hingabe als etwas Schreckliches erlebt. Der Kosmos ist auch hier gefährlich. Er muss gebändigt werden. Verfügbarkeit ist alles. So erstarrt Leben.
Ablehnung, Abtrennung, Isolation und Verachtung des Unfertigen, des Lebens in Bewegung, basierend auf Angst und Misstrauen, kennzeichnen die Grund-Bedingungen und Mechanismen des Bösen und der Gewalt. Verdienst der Psychoanalyse war es u.a., die zahlreichen Abwehrmechanismen der Menschen zu erkennen: z.B. die Projektion ungeliebter Persönlichkeitsanteile auf andere, Über-Kompensationen (etwa Imponiergehabe) von Erlebnissen, die als schmachvoll empfunden worden sind, Delegation von verdrängten Persönlichkeitsanteilen (das Kind als Symptomträger), Isolierung und "Einfrieren" von Emotionen, die als bedrohlich erlebt worden sind, usw.
Angst, Misstrauen und Gewalt wurzeln zumeist in einem frühkindlichen Mangel an Geborgenheit und in traumatischen Trennungserfahrungen körperlicher und/oder emotionaler Art. Wie sollen Eltern nur Geborgenheit vermitteln können, wenn sie sich aus dem Kosmos und aus ihrer eigenen Mitte herausgeworfen und unverbunden fühlen? Um geborgenheitsspendende Eltern sein zu können, brauchen diese die Beziehung zur "grossen Mutter" und zum "grossen Vater".
Die genannten Abwehr-Mechanismen wirken sich auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene aus. Sie erzeugen die herrschende Bewusstseinsverfassung mit, bzw. das Energiefeld, das wiederum rückwirkend das Lebensgefühl prägt, wodurch Misstrauen und Angst bestätigt werden.
Eine Teil-Verantwortung für diese gewalt-erzeugenden Mechanismen müssen auch jene religiösen Glaubensrichtungen auf sich nehmen, die penetrant die ursprüngliche Boshaftigkeit und Sündhaftigkeit des Menschen betonen und dadurch die Vertrauensbildung vieler Menschen schwer beeinträchtigt haben.
Die Medizin
Deshalb erscheint es mir so wichtig, dass vertrauende Menschen vom "Grossen Segen" (Matthew Fox) berichten, der dieser Welt zu Grunde liegt.
Trost und Zärtlichkeit ist die benötigte Medizin und die Liebe zum Unvollkommenen, Unerlösten, zum Gebrechlichen, Unfertigen, zum Zarten und Verletzlichen; die Liebe aber auch zur archaischen Wildheit und zur Kraft der Sexualität.
Durch Re-Integration, d.h. Wieder-Einbezug der abgelehnten Persönlichkeitsanteile durch liebende Zuwendung und Verständnis wird Gewalt- und Zerstörungsbereitschaft überwunden. Wesentlich dabei ist, die hinter der Gewalt liegende Not zu erspüren und anzuerkennen.
Dasselbe gilt auch auf gesellschaftlicher Ebene: Heilungs- und Regenerationsprozesse können dann eingeleitet werden, wenn Gesellschaften sich ihren dunklen Seiten durch Wahrhaftigkeit und Trauerarbeit (z.B. Holocaust, koloniale Vergangenheit) wieder annähern. Hier leistete die Wahrheitskommission von Südafrika Pionierarbeit. Sie ist wohl eines der hoffnungsvollsten Modelle von Versöhnungsarbeit.
Versöhnung bedeutet immer auch Verzeihen. Im Groll halten wir an den Fehlern anderer fest, im Verzeihen lassen wir von ihnen los. Vergebung folgt nach der Auseinandersetzung, umgeht diese nicht.
Vergebung ist nur möglich, wenn wir in Verbindung zur Quelle in unserem Herzen sind.
Wenn ich mich durch das Andere, Fremde ergänzen (ganz-machen) lasse, so fällt der Schritt leicht, das Fremde, Andere, der verschiedenen Völkern und Kulturen als Teil meines/unseres Ganzen (des Höheren Selbst) zu erkennen.
Heilung kommt aus dem "Dazwischen", der Kraft der Mitte. Wo Abgründe waren, wachsen Blumen.
Die Kraft der Mitte (die dritte Kraft) ist heilende und Beziehung schaffende Liebe.
Heilungsarbeit wäre in diesem Sinne "Gartenarbeit". Sie würde auch bedeuten, die Samen des Friedens in die Konfliktzonen zu bringen, und hiesse, das Leiden und die herrschenden Spannungen anzunehmen und vertrauend auszuhalten.
Der Ort des Schmerzes kann zum Ort der Heilung werden. Das lehrt sowohl individuelle wie kollektive Heilungsarbeit.
Das Gesicht verlieren - es finden
Wir kennen sie alle, diese endlos vielen Geschichten, wo Menschen (meist sind es Männer) alles tun, um ihr Gesicht nicht zu verlieren, und, verlieren sie es doch, in eine Art Raserei verfallen, in der sie andere oder sich schädigen oder zerstören. Das Ego fühlt sich permanent attackiert und ist damit beschäftigt, innere und äussere Kontroll-Mechanismen aufzubauen und zu perfektionieren.
In der Weitsicht des Herzens identifizieren wir uns mit dem All-Umfassenden. Darin finden wir zum Gesicht, das Wohlwollen und kosmische Weite atmet.
Der Friede ins uns, lässt uns zu Friedensarbeiter und Friedensarbeiterinnen werden.
Die Heilkraft des Herzens
Das Licht der Heilung entflammt im Magnetfeld des Herzens. Die Überwindung des Bösen und das Wissen um heilende Liebe ist ihm eingegeben.
Das, was den Menschen heilt, ist seine tiefste Grundlage und seine Ursache. Erwachte Herzen sind Empfänger und Sender dieses Wissens.
Diese Art der heilenden Herzens-Kommunikation kann rational nicht erweckt werden - Hingabe und Hinhören ermöglichen sie.
Werner Binder
Mehr zur Person
Dieser Artikel erschien im HOLON-Journal Nr. 10, 2000. Ende 2002 habe ich ihn leicht überarbeitet und erweitert.
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