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Im tiefenpsychologischen Untergrund des heiligen Landes
Die Machtlosigkeit von David und Goliath
Die Spirale der Gewalt zeigt, dass wir andern Menschen das antun, was uns selbst widerfahren ist. Doch ohne Selbsterforschung bleiben wir blind gegenüber der tief in uns verdrängt liegenden Wahrheit.
Ein Bewusstseinssprung ist von Nöten, um vom "Kampf gegen den Terror" zur Friedensfindung beizutragen.

Von Willi Maurer

Kontakt finden zum inneren Kind
Seit dem 11. September 2001 zeigt es sich eimal mehr auf schreckliche Weise, wie sehr Menschen zu Gewalt- und Kriegshandlungen verführbar sind, wenn irrationale Ängste geschürt werden und die Menschenwürde mit Füssen getreten wird.
Es fällt auf, dass alle Menschen, Gruppen oder Staaten, die Gewalt anwenden, folgende Gemeinsamkeiten aufweisen:
- Sie fühlen sich als Opfer (nicht selten giessen sie gar durch selbstinszenierte TerrorakteÖl ins Feuer, um sich als solches darstellen zu können!) und versuchen das Gefühl der Machtlosigkeit abzuwenden oder erduldetes Unrecht zu rächen.
- Sie glauben, im Recht zu sein.
Welche Anlagen lassen uns so leicht zum Spielball destruktiver Kräfte werden?
Viele Menschen haben, motiviert durch einen Leidensdruck, über tiefgehende Selbsterfahrung Zugang zu prägenden Kindheitserlebnissen gefunden. Die Aussagen dieser Menschen zeigen deutlich, dass die Tendenz, Gewalt anzuwenden, immer ein Versuch ist, das Gefühl der Machtlosigkeit abzuwenden. Es handelt sich dabei immer um ein altes, bereits in uns angelegtes Gefühl, das berührt wird. Dies geschieht meistens unbewusst, weil wir es, zusammen mit dem schmerzlichen Herkunftserlebnis, abgespalten haben.
Diese Abspaltung reproduziert sich seit Jahrhunderten in allen Hochkulturen wo Neugeborene in den ersten Stunden oder Tagen nach ihrer Geburt von der Mutter getrennt und weggelegt werden: in die Wiege, ins Kinderzimmer, oder in fremde Hände (1). Auch Naturvölker stören oder verhindern das Imprinting durch Initiationsrituale und Gebräuche die nicht zum Wohle von Mutter und/oder Kind sind. Es besteht noch wenig Bewusstsein über die Bedeutung des "Imprintings", des alle Sinne umfassenden Kontakts zwischen Mutter und Kind in der ersten Zeit nach der Geburt, und des Tragens der Babies während der Säuglingsphase (2). Inzwischen gibt es viele nachweisbare Anhaltspunkte, welch fundamentale Bedeutung das Imprinting für unser gesamtes Leben hat (3).

Aus der Tierforschung weiss man, was für verheerende Folgen im sozialen Verhalten und bei späterer Mutterschaft durch das fehlende Imprinting entstehen. Mutter und Kind erkennen einander nicht mehr und zeigen verschiedene Arten von Fehlverhalten, die existenzgefährdend sein können.
Beim Menschen ist es nicht anders, vielleicht gar schlimmer. Dies deswegen, weil der Mensch, biologisch gesehen, ein Tragling ist (4). Tiefenpsychologische Forschungen, wie diejenigen von James W. Prescott (5) oder Michel Odent (6), zeigen glaubwürdig auf, dass Gewalttendenzen in einem Zusammenhang mit in früher Kindheit abgespaltenen schmerzlichen Erlebnissen stehen.

Die Vertreibung aus dem Paradies
Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass die Abspaltung von der Ganzheit nicht durch den (traumatischen) Geburtsakt verursacht wird, sondern die Folge des Weggelegt-worden-Seins im Anschluss an die Geburt ist, wodurch die heilende Verarbeitung des Geburtsschockes in der Geborgenheit des mütterlichen Körpers und das Imprinting verunmöglicht wurde (7).
Es versteht sich, dass Kinderkrippen vor allem für alleinerziehende Eltern eine grosse Erleichterung bedeuten. Wenn dies aber - infolge allzu früher Trennung zwischen Mutter und Baby - das Imprinting verunmöglicht, wird der Grundstein für menschliches Leid, Destruktivität und Abgespaltenheit gelegt. Genau dies ist auch vorprogrammiert durch die neuerdings propagierte Kaiserschnittgeburt oder die standardmässig verpasste Epiduralanästhesie.

Die Entladung des verdrängten Potentials
In langjähriger Erfahrung als Leiter von Gefühls- und Körperarbeitsgruppen, und damit Zeuge von tiefführenden Regressionsprozessen (8), machte ich immer wieder die Beobachtung, dass Menschen, die für die Äusserung von Gefühlen, wie Wut und Hass, mit Liebesentzug, Schlägen oder Wegweisung bestraft wurden, schon als Kinder gelernt hatten, ihre Gefühle wegzustecken und "brav" zu werden
Das verdrängte Hasspotential wird sich jedoch unweigerlich ein Ventil suchen, oft muss dann ein Sündenbock her.
Oft finden Heranwachsende mit den beschriebenen Persönlichkeitsstrukturen in rechtsextremen Kreisen Anerkennung und Zugehörigkeit, also genau das, was sie in früher Kindheit gebraucht hätten. In linksextremen Kreisen kämpfen sie zwar für soziale Gerechtigkeit, doch das angelegte Hasspotential lässt sie zur Durchsetzung ihrer Idealvorstellungen die nämlichen Gewaltmethoden anwenden, die sie ihren Widersachern zum Vorwurf machen.
Der verdrängte Hass der "Braven" kommt vielleicht erst wieder als Ärger über Babygeschrei, als sympathisierende Anteilnahme an Stein- und Bombenwürfen vor dem Fernseher oder in der Stimmabgabe für eine Partei, die Asylsuchende wegweisen will, zum Vorschein.
Die Angst vor dem alten Gefühl der Ohnmacht jedoch, lässt vor allem den Mann Strategien entwickeln die ihm Macht verschaffen. Solche Strategien feiern in den Globalisierungstendenzen, in der Aufrüstung und in der nuklearen Abschreckung Urständ.

Das Streichholz an der Lunte
Die beschriebene, aus individueller und gesellschaftlicher Kränkung herrührende Mischung aufgestauter destruktiver Tendenzen sind, einer Lunte ähnlich, entzündbar. Dieses Potential findet in reisserisch aufgemachten Massenmedien Nahrung und Befriedigung. Kein Wunder also, dass Machtmenschen und -blöcke als erstes versuchen, die Medien zu kontrollieren. Kein Wunder aber auch, dass Menschen mit einem verdrängten Hasspotential, verbunden mit einer, aus frühester Kindheit stammenden Sehnsucht, genau diese Medien konsumieren.
Wir haben die Tendenz, das in uns selbst angelegte Gewalt- und Hasspotential, das eine Gefahr für das eigene Sozialgefüge ist, auf einen Sündenbock umzulenken.
Vor diesem Hintergrund wird es verständlich, warum die USA, nach der Öffnung des Ostblockes, nichts unterliessen, um einigen Ländern das Ettikett "Schurkenstaat" zu verpassen. Mit gezielter Falschinformation und Verheimlichung von Fakten in den Medien, wird das im Menschen angelegte Hasspotential auf bestimmte Staaten oder ihre Oberhäupter gelenkt. Das Ziel ist, die öffentliche Meinung so zu beeinflussen, dass es gerechtfertigt erscheint, Gewalt anzuwenden.
Diese aus der Zeit des Nationalsozialismus, des Stalinismus, und des Vietnamkrieges bekannten Methoden spielten auch eine wichtige Rolle während der Vorkommnisse rund um den G8-Gipfel in Genua, die Anschläge vom 11. September 2001 auf die WTC-Türme (Indizien lassen gar den Verdacht auf Beteiligung der eigenen Geheimdienste aufkommen) und die Besetzung Palästinas.
Wo könnte es sich mehr bezahlt machen, Schurken- oder Terroristenimages zu verpassen, als dort, wo Völker oder Regierungen dem Zugriff auf begehrte Ressourcen im Wege stehen? Die schmutzigen Kriege in Afghanistan und in Israel, die ganz anderen Zielen als den vorgegebenen dienen, werfen einmal mehr ein Licht darauf.
Bei der heutigen Weltlage müssten uns die Alarmglocken klingeln und es wäre dringend Rückbesinnung von Nöten! Der Boden, auf dem rassistische und religiöse Vorurteile wachsen, ist durch die Vorgänge rund um die Geburt und die ersten Lebenserfahrungen von uns Menschen nur allzugut präpariert. Nicht nur Israel kann uns als eindrückliches Beispiel dienen.
Es ist bekannt, dass in den Kibuzzims Kleinkinder möglichst früh von der Mutter getrennt und in Säuglingskrippen betreut wurden. Dies, damit die Mütter frei waren, sich am Aufbauprozesss des neu geschaffenen Staates Israel zu beteiligen. Auch sollten die Kinder möglichst früh soziales Verhalten lernen. Die Zugehörigkeit zur Gruppe, später zum Staat, kompensiert den frühen Verlust der Nähe zur Mutter.
Bruno Bettelheim hat die Folgen davon ausführlich beschrieben (9). U.a. führte er die Gefühlsarmut an und die Einsatzbereitschaft für das soziale Wohl - ideale Eigenschaften, aus denen verlässliche, zu allem bereite Soldaten hervorgehen, die (mit immer zahlreicher werdenden Ausnahmen, das muss hier auch vermerkt werden!) willig den kollektiven Interessen des Staates dienen.

Noch viel schlimmer waren und sind die Folgen der im Hitler-Deutschland bewusst praktizierten Trennung der Babies von der Mutter, die sich im massenpsychotischen Verehrungskult und im nationalsozialistischen Kameradschaftsgeist bis hin zum idealisierten Kadavergehorsam manifestierten. Diese Vorkommnisse könnten uns ein Lehrstück sein um uns die Augen zu öffnen. Doch darüber zu sprechen, kommt noch heute einem Tabùbruch gleich (10).
Solange ein äusserer Sündenbock, den Hass und die Rache für die tief im Individuum verdrängte frühkindliche Kränkung abbekommt, ist eine Einsicht in tiefere Zusammenhänge verunmöglicht, dies aus folgenden Gründen:
- Es besteht kein Anlass zur Selbstbesinnung und so meldet sich auch kaum ein innerer Leidensdruck, der das Individuum zur Aufarbeitung der in ihm angelegten Kränkung motivieren könnte.
- Durch kriegerisches Agieren wird laufend soviel neues Leid geschaffen, dass kein Platz ist für eine wirkliche, friedensstiftende Trauerarbeit für das alte - im Falle Israels und Palästinas aus vielen Jahrhunderten stammende - kollektive Leid der Bevölkerung.
- Solange dieser Trauerarbeit ausgewichen werden kann, reproduziert sich die Abgespaltenheit weiterhin über Generationen hinweg indem Babies das angetan wird, was man selber erfahren hat: Trennung.
Und so wachsen erneut Menschen heran, die mit ihren Anlagen empfänglich sind für die Pläne weltweit agierender Machtblöcke. Ein solcher Plan, findet sich - ohne dass sich dessen, so vermute ich, die meisten Israelis bewusst sind - auf einer ihrer Münzen aufgeprägt. Legt man die Umrisse auf eine Landkarte, fällt einem auf, dass die Umrisse mit dem Verlauf der Flüsse Nil, Euphrat und Tigris übereinstimmen könnten! Handelt es sich um das von religiösen Extremisten geforderte "Gross-Israel"?

Machtmissbrauch
Auf dem Hintergrund des von extremistischen Kreisen geforderten "Gross-Israels" wird erkennbar, dass die Anerkennung der UNO-Resolutionen, die Palästina ein Existenzrecht eingeräumt hätten, solchen expansionistischen Plänen zuwidergelaufen wäre!
Um ihrem Ziel näher zu kommen tun diese Kreise alles, um auch den zum Frieden bereiten Teil der israelischen Bevölkerung, in den Strudel der Destruktivität einzubinden.

Den israelischen Extremisten liegt daran, dass die PalästinenserInnen immer wieder so sehr in ihrer Würde gekränkt werden, dass sie, die von der internationalen Staatengemeinschaft so schmählich im Stich gelassen werden, sich schlussendlich zu Selbstmord-Terrorakten hinreissen lassen. Denn dann findet sich der friedfertige Bevölkerungsteil Israels, der durchaus bereit wäre, der von ihrem Land enteigneten und verjagten palästinischen Bevölkerung, durch Anerkennung eines eigenen Staates, Dankbarkeit zu bezeugen, im gleichen Boot sitzend wie die Provokateure. Diese benutzen das den Juden widerfahrene unsägliche Leid als eine Art Schutzschild um die wenigen mutigen Stimmen, die Israel in seine Grenzen verweisen wollen, des Antisemitismus zu bezichtigen. Und die internationale Staatengemeinschaft kuscht (und liefert gar Waffen), denn wer unter all den sich mitschuldig fühlenden Europäern wagt es schon, einem Volk, dem soviel Schreckliches angetan wurde, vorzuwerfen, dass es sich heutzutage Vertreibungs- und Apartheid-Methoden bediene wie es sie selber erdulden musste?
Die Unfähigkeit europäischer Staaten wirkliche politische Zeichen zu setzen trägt dazu bei, dass sich Israel über geltendes Völkerrecht und UNO-Resolutionen hinwegsetzen kann und unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung den Zielen der Extremisten den Weg ebnet. Die Sicherung der Macht über die illegal angeeigneten Wasserressourcen spielt eine wesentliche Rolle. Denn was Demütigung nicht vermag, wird der Mangel an Wasser auf dem Rest von palästinensischem Land vollenden: Vertreibung durch Beraubung der Lebensgrundlagen.
Es ist die Aufgabe aller Menschen die Frieden wollen, innerhalb und ausserhalb von Israel und Palästina, gemeinsam aufzustehen und den vorwiegend religiös motivierten Extremisten, beiderseits, ein deutliches, gewaltfreies, Zeichen zu geben.

Das Versagen der Religionen
Religion - das heisst wörtlich Rückverbindung - müsste das Bewusstsein fördern und Wege aufzuzeigen, die aus unserem inneren Chaos, unserer Abgespaltenheit, herausführen. Warum das bisher nicht geschah, zeigt das eindrückliche Beispiel des Bibelschreibers und Reformbegründers Martin Luther.
In seiner zweifellos ehrenwerten Absicht, die Menschheit vor Unheil zu bewahren, vertrat er die Meinung, Kleinkinder hätten sich dem Willen der Eltern unterzuordnen und müssten als Erstes lernen, allein sein zu können. Er kam zum Schluss, dass ihr Weinen mit allen Mitteln zu unterbinden sei. Wenn dies nicht gelinge, sei anzunehmen, dass es sich um einen Wechselbalg (in den Grimmschen Märchen ein - oft verhextes - untergeschobenes Kind) handeln könnte, und dann könne es angebracht sein, ihn totzuschlagen, um sich vor dem Teufel zu schützen (11).
Welcher Irrsinn: Mütter legten (und legen) ihr Kind aufgrund kirchlicher Ratschläge zur Seite! Und wenn es in äusserster Verzweiflung weint, um damit sein Bedürfnis nach der Mutter zu äussern, wird es von Menschen, die infolge ihrer eigenen Kindheitsverletzung von ihren ursprünglichen Gefühlen abgespalten sind - und deshalb autoritätsgläubig - verkannt!
Staatsoberhäupter wie Sharon und Bush - aber auch Skinheads, Neonazis, prügelnde Polizisten, zerstörungswütige Militärs, gewalttätige DemonstrantInnen und ihre SympathisantInnen - sind auf ähnliche Art von Idealen irregeleitet wie Martin Luther und seine AnhängerInnen: Sie versuchen aufgrund eines Irrglaubens das zu zerstören, was ihrer Meinung nach eine Gefahr für das ihrige und das gesellschaftliche Wohl sei. Der Nährboden für solcher Art Irrglauben ist in der abgespaltenen frühkindlichen Erfahrung des Weggelegt-worden-Seins und dem damit verbundenen Ohnmachtsgefühl angelegt.
Derselbe Irrglauben lässt palästinensische Imams zum Märtyrertum aufzurufen. Gemässigte unter ihnen rufen zwar zum Frieden auf und verweisen gutgläubig auf den Koran, dass es nicht erlaubt sei, unschuldige Frauen und Kinder zu töten. Man höre genau hin! Und dann überlege man sich, was in den Gläubigen geschieht, die sie sich Bilder israelischer Greueltaten anschauen (wie das des Jungen, der in den beschützenden Armen seines Vaters erschossen wird). Wer könnte es sein, der bei der Ansicht dieser Bilder die Unschuld verliert? - Der unsichtbare Soldat, der schiesst? Sharon, der den Befehl dazu gab? Die Mehrheit des israelischen Volkes, das Sharon gewählt hat, wohlwissend dass unter seinem Befehl schon früher Kriegsverbrechen begangen wurden?
Das Beispiel zeigt, dass auch gutgemeint zitierte religiöse Sätze das Zünglein an der Waage spielen können. Es hängt vom Bewusstheitsgrad des Individuums, oder dem in ihm angerührten Hasspotential ab, welchen Impulsen es nachgeben wird.
Dazu noch eine Geschichte:
Jüngst, in einem Gespräch mit einem Friedensaktivisten, einem sehr gebildeten, gläubigen Moslem, benutzte ich die Gelegenheit, um mehr zu erfahren darüber, wie der Umgang mit Neugeborenen in seinem Glaubenssystem gesehen werde. Er wusste von mir bereits, dass ich die Gewaltprävention bereits bei der Geburt und in der Mutter-Kindbeziehung ansetzen würde. So erzählte er mir - um aufzuzeigen welcher Stellenwert das Wohlergehen des Babys in seiner Religion geniesse - folgende Geschichte:
Bei einer jungen, nicht verheirateten Frau wurde bemerkt, dass sie in Erwartung eines Kindes war und so wurde sie zum Tode verurteilt. Der Vollzug wurde jedoch hinausgezögert, damit das Baby zur Welt kommen durfte. Um ihrer schrecklichen Ungewissheit ein Ende zu bereiten, ging die Frau zum Imam und bat um Vollstreckung des Urteils. Der fragte: «Stillst Du Dein Kind?» und als sie mit Ja antwortete, bestimmte er, dass sie weiterleben dürfe. Nach einem Jahr ging sie abermals hin und bat, das Urteil nun zu vollziehen und abermals erhielt sie die Antwort, dass sie weiterleben dürfe. Nach zwei Jahren ging sie ein drittes Mal zum Imam und der fragte, ob sie ihr Kind noch stille. Als sie mit nein antwortete sagte er ihr, dass der Moment gekommen sei, sie hinzurichten.
Ich war nicht nur über diese Argumentation, die mir zeigen sollte, wie in seinem Kulturkreis mit Babys sorgsam umgegangen werde, tief betroffen, sondern auch über die die grausame Rechtsvollstreckung und Missachtung der Frau, die ihn nicht zu stören schien.
So fragte ich ihn, warum denn der Erzeuger des Kindes, der Mann, nicht genauso verurteilt wurde. Mein Bekannter verwies gutgläubig auf das herrschende Rechtssystem das sich bewähre um Unrecht zu verhüten: «Um jemand zu verurteilen braucht es drei Zeugen!» Nun war ich fassungslos: «Merkst Du denn nicht, wie ungeheuerlich diskriminierend und entwürdigend dieses System in diesem Falle ist!?» Ahnungslos legte er mir dar, dass es doch viele Zeugen gebe, die den dicken Bauch der schwangeren Frau gesehen hätten und dass niemand etwas dafür könne, dass es keinen Zeugen gegeben habe, der den von der Frau als Vater ihres Kindes bezeichneten Mann, beim Geschlechtsakt gesehen hätte.
«Mir ist es unverständlich dass Du als Mensch, der sich von ganzem Herzen für den Frieden einsetzt, dieses Gesetz unhinterfragt akzeptierst. Ich fände es wichtig, mit Deinem Imam darüber zu sprechen.» Nein, das gehe leider nicht, erwiederte mein Bekannter, denn als Gläubiger dürfe er den Koran niemals in Frage stellen.
Da beisst sich also die Schlange in den Schwanz - und zwar solange, wie wir es nicht wagen unseren Sinneswahrnehmungen zu trauen und alte Denkmuster zu hinterfragen.
Im Wissen darum, dass wir das was uns angetan wurde, auch andern antun, kommt der Beantwortung der folgenden Frage eine Schlüsselfunktion zu: «Wie verhalten sich Frauen, deren Würde traditionsgemäss durch die eben beschriebenen Gesetzmässigkeiten zutiefst gekränkt wurde, gegenüber ihren Babys?» Die Beschäftigung mit dieser Frage könnte das Geheimnis um die Abspaltung (die verunmöglicht die Tragik der erzählten Geschichte zu erkennen und Schlüsse daraus zu ziehen) lüften. Diese Frage kann nur jemand beantworten der selber mit seinem inneren Baby Kontakt gefunden hat und Einblicke in intimste Seelengeheimnisse von verletzten Menschen hat. Dazu braucht es Menschen die wirkliche Re-ligion, nämlich individuelle Rückverbindung praktizieren.
Berührt durch die beschriebenen leidvollen Verknüpfungen, müssen wir uns die Frage stellen, wie wir Menschen dazu kommen, dogmatischen und lebensfeindlichen Glaubenssystemen anzuhaften.
Ich mache oft die Beobachtung, daß Menschen, deren Selbstwertgefühl früh gekränkt wurde, ihren Sinneswahrnehmungen nicht mehr trauen und deshalb Sicherheit oder Zuflucht bei Glaubenssystemen suchen. Da wird ihnen gesagt, was richtig und falsch, gut oder böse, gesund oder ungesund ist. Diese Anhaftung an einen Glauben löst sich in gleichem Masse auf, wie Menschen in Kontakt mit ihrem Innersten, ihrem kleinen Kind kommen und wieder beginnen, ihren Sinneswahrnehmungen zu trauen.

Ausweg: Rückverbindung (Religion)
Solange die allererste Lebenserfahrung von uns Menschen Schmerz, Verlassenheit, Ohnmacht und Abspaltung dieser Gefühle ist, bleiben wir vorerst blind gegenüber der Erkenntnis, dass eine der verheerendsten menschlichen Gewalttaten das Weglegen von Babies und die damit verbundene Verunmöglichung des Imprintings ist.
Wenn wir vermeiden, traumatisch empfundenen Erlebnisse durch individuelle Trauerprozesse aufzuarbeiten (12), tendieren wir dazu, die unverarbeitete Kränkung über Rache ins Gleichgewicht zu bringen; oder auch indem wir unbewusst andern das antun, was uns selber widerfahren ist. Dies schafft neuerlich Traumatisierungen an ursprünglich nicht beteiligten Menschen. Dasselbe gilt auf kollektiver, gesellschaftlicher Ebene.
Kollektive Feiern und Demonstrationen anlässlich von Gedenk-, Trauer- und Jahrestagen sind meistens Anzeichen für nicht aufgearbeitete Trauer über in der Vergangenheit erduldetes Unrecht. Solange es bei der Zelebration bleibt, ohne dass das Individuum sich vom Schmerz über begangenes Unrecht und erduldetes Leid berühren lässt, wird sich die Schreckensgeschichte abermals inszenieren (13) um erneut an das unheile Gefühl zu erinnern.
Nur wer sich, an der eigenen Verletzung berührt, öffnet, um das Leid vergangener Generationen nachzuempfinden und zu würdigen, kann mit der Vergangenheit Frieden schliessen. In diesem Sinne kann uns die südafrikanische Wahrheitskommission Vorbild sein. Geschieht keine Versöhnung und werden Straftaten mit Ausschluss geahndet anstatt Mediation eingesetzt, dreht sich die Spirale der Gewalt über Generationen hinweg weiter. Das emotionelle Potential, das sich dabei entlädt, ist jedoch immer in der individuellen, aus frühester Kindheit stammenden Kränkung des einzelnen Menschen angelegt. Sie bildet die Matrix, die durch nachfolgende Verletzungen verstärkt, oder heilsame Erfahrungen geläutert werden kann.
Wenn wir uns bewusst werden, welche Konsequenzen das Weglegen der Babies nach sich zieht und welch unermesslich hoher Preis in Form von Leid und Unglück wir dafür bezahlen, werden wir alles daran setzten, um unser Verhalten zu ändern.
Das neue Bewusstsein kann auf vielen Ebenen Wirkung zeigen:
- In der Würdigung der Mutterschaft, die in einem garantierten Grundlohn für Mütter Ausdruck finden könnte.
- In der Mitwirkung der Männer zur Entlastung der Mütter in den ersten Monaten nach der Geburt. Für Männer gilt es, ihre mütterliche Seite zu entwickeln indem sie für das Wohl ihrer Partnerin sorgen und sich nach und nach bei der Kinderbetreuung beteiligen, was durch einen bezahlten Vaterschaftsurlaub gefördert werden könnte.
- Von allergrösster Wichtigkeit ist es, dass werdende Eltern mit ihrem eigenen inneren Kind Kontakt finden. Da könnte die häufig vorkommende postpartale Depression bei Müttern geradezu eine Türe öffnen: Sie ist ein Zeichen für das Berührtsein des eigenen inneren, zu kurz gekommenen Kindes. Dasselbe gilt für Väter, die mit Eifersucht (oft hinter rationalen Argumenten versteckt) auf die Zuwendung ihrer Partnerin zum Baby reagieren. Wenn Eltern dies zu erkennen beginnen, kann für sie eine liebevolle, kompetente Hilfe bei der Trauerarbeit zur Annahme des inneren Kindes sehr hilfreich sein. Und dann geschieht... "Religion".
Erst wenn Schmerz und Ohnmacht als Botschafter von etwas Übergangenem erkannt werden, öffnen sich Möglichkeiten zur wirklichen Gewaltprävention. Deshalb: Lasst Kinder, vor allem Neugeborene, unsere Lehrmeister sein!

1) Renggli, Franz: "Selbstzerstörung aus Verlassenheit"; Rasch und Röhring. "Der Ursprung der Angst"; Walter-Verlag
2) Liedloff, Jean: "Auf der Suche nach dem verlorenen Glück"; Beck'sche Reihe
3) Maurer, Willi: Artikel "Die verschüttete Quelle des Friedens"
4) Kirkilionis, Evelin: "Ein Baby will getragen sein"; Kösel
5) Prescott J.: www.psc.uc.edu/hs/HS_Prescott1.htm
6) Odent Michel: www.birthworks.org/primalhealth/
7) Odent Michel: "Die Wurzeln der Liebe"; Walter
8) Maurer, Willi: "Zugehörigkeit. Der verpasste Augenblick - ist er nachholbar?"; im Selbstverlag
9) Bettelheim Bruno: "So können sie nicht leben", Klett-Cotta
10) Chamberlain, Sigrid: "Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind"; Psychosozial
11) Walch, zitiert in: Renggli, Franz: "Selbstzerstörung aus Verlassenheit"; Rasch und Röhring
12) Kübler-Ross Elisabeth: "Sehnsucht nach Hause"; Silberschnur
13) Schützenberger Anne A.: "Aïe, mes aïeux"; La méridienne

Willi Maurer begleitet seit zwanzig Jahren suchende Menschen mit Gefühls- u. Körperarbeit und unterrichtet Aikido.
Im Netzwerk HOLON koordiniert er die Arbeitsgruppe "Friedensarbeit und Gewaltprävention".
Ausführlich dargestellt hat W. Maurer seine aus einem aussergewöhnlichen Selbsterfahrungsprozess und seiner Arbeit mit gewalttätigen Jugendlichen und Eltern gewonnenen Erkenntnisse im Buch "Zugehörigkeit. Der verpasste Augenblick - ist er nachholbar?"; erschienen im Selbstverlag, zu beziehen bei:
W. Maurer, Doné, CH-6994 Aranno, oder Buch2000, 6912 Obfelden

Infos im Internet zum Thema:
www.birthworks.org/primalhealth/
www.fraternet.org/naissance//docs/pau-fr.htm
www.psc.uc.edu/hs/HS_Prescott1.htm
www.continuum-concept.org/
http://home.sunrise.ch/maurer_/

Baby-Tragetuch-Kurse, Tragetücher, Beratung:
www.babytragen.com
www.carryme.ch


BEGEHRTE FRÜCHTE
Öko-spiritueller Wander-Workshop mit Willi Maurer
In Zeiten der Globalisierung, Privatisierung und der damit verbundenen Machtverschiebung, scheint es dem Individuum immer schwerer, seine Mitverantwortung und Mitbestimmung für das Geschehen auf dieser Welt wahrzunehmen. Das von W. Maurer entwickelte Rollenspiel "Begehrte Früchte", gefolgt von einer Fantasiereise in frühe Kindheitssituationen, führt zu tiefgehenden Reflexionen über:
- Psychologische Hintergründe, die unser Denken, Handeln und Fühlen und damit unsere Wahl der Konsumgüter beeinflussen.
- Die Herkunft unserer Ängste, die uns manipulierbar machen; des innerern Mangels, der uns verführbar macht; die Sehn-Sucht, die uns Träumen nachhängen lässt; des Gefühles der Machtlosigkeit, das uns resignieren lässt.
- Unsere Macht, über die wir als KonsumentInnen verfügen.

Nächster Termin: Diese Website informiert sie.

Auf Anfrage, auch für Gruppen mit mind. 15 TeilnehmerInnen, am von Ihnen bestimmten Ort. (Dauer: ca. 2 Std.)
Info: Willi Maurer, Doné, CH-6994 Aranno

Willi Maurer, David und Goliath, Juni 02

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