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Text nach dem gleichnamigen Referat in Zürich, SkyDancing-Institute 25.11.2000
Die blauen Hervorhebungen sind von mir. M.R.

Das Hohe Lied der Liebe
Eros und Transzendenz – Perspektiven aus christlicher Sicht
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von lic.theol Denise Wyss, christkatholische Pfarrerin in Baden

«Wenn er mich doch küsste mit den Lippen seines Mundes» ... Dies ist der erste Satz eines biblischen Buches, nämlich des alttestamentlichen Hohen Liedes, einer Sammlung von erotischen Liebesliedern. Es ist eine merkwürdige Sache: Obwohl im ganzen Hohen Lied das Wort Gott nicht ein einziges Mal vorkommt, wurde dieses Buch in den Kanon der hebräischen Bibel aufgenommen. Was hat denn aber die erotische Liebe mit Gott zu tun? - Und welche Perspektiven «erotischer Befreiung» hat der christliche Glaube Menschen in einer sexualisierten und tabulosen Zeit wie heute anzubieten, ohne moralisierend zu wirken?

I. Zum Biblischen Menschenbild

1. Der Mensch ist eine «Kehle»
Der Mensch ist näfäsh. Das ist der hebräische Ausdruck für lebendiges Wesen. In erster Linie heisst näfäsh aber «Kehle» und meint damit das, was den Menschen wesentlich ausmacht. Wenn wir uns die kleinen Vögel im Nest vorstellen, die ihre Kehle weit aufsperren, damit sie Nahrung bekommen, dann verstehen wir vielleicht, was der biblische Mensch mit dem Ausdruck näfäsh verbindet: Leben, das Leben will. Lebendigkeit ist ein grosses Begehren. Wir Menschen sind Kehlen. Das heisst: Wir sind auf Beziehung angewiesen. Wir sind wie ein ausgetrockneter Brunnen in einer Wüste, der sehnsüchtig auf den Regen wartet. Wir sind auf den, die oder das andere unerhört angewiesen, um lebendig zu werden, zu sein und zu bleiben.

Was den Menschen auszeichnet, ja erst zum lebendigen Menschen macht, ist Eros. Eros ist
Verlangen, ist der Wunsch nach Leben, ist Beziehung. Auch der Wunsch nach der Beziehung zu Gott ist Eros.
Eros und Transzendenz sind nicht zu trennen. Genauso wenig wie wir als
Geschöpfe von unserem Schöpfer zu trennen sind. Gott hat uns nach seinem Ebenbild geschaffen, steht im Schöpfungsbericht des Genesisbuches. Wenn Gott uns Menschen, die wir Kehlen sind, nach seinem Bilde geschaffen hat, dann muss auch Gott näfäsh, eine Kehle sein, dann muss auch in Gott Eros sein, das Verlangen nach Beziehung.

2. Ein Exkurs: Die Trennung von Gott und Eros
Nun ist aber die Trennung des erotischen Bereiches vom Göttlichen so alt, wie die Menschheit selbst. Immer wieder tritt ein Phänomen auf, das sich quer durch Kulturen und Traditionen zieht: Die Angst vor dem Bereich des Sexuellen im kultischen Kontext und die damit verbundene Angst und Abwertung des Weiblichen. Die Konsequenzen sind bekannt und bis heute wirksam: Der Ausschluss des Weiblichen, und damit auch des Erotischen vom Wesen Gottes. Dies ist mehr oder weniger allen patriarchalischen religiösen Systemen eigen. Gott wird sozusagen reduziert auf den männlichen Bereich und das ist nicht nur eine verhängnisvolle Ausgrenzung und Abwertung des Weiblichen, sondern zugleich auch eine Verkennung und Beschneidung des Männlichen. Es ist wichtig, zu verstehen, dass unsere Gottesbilder immer vom jeweiligen soziokulturellen Umfeld geprägt sind. Auch im Bereich des Christlichen müssen wir sagen: Die Bilder, die uns während Jahrhunderten von Gott eingeprägt und vermittelt wurden, sind hauptsächlich männliche Gottesbilder, die sich durch eine Verdrängung des Weiblichen und des Erotischen aus der Gottheit auszeichnen. Heute hat sich das Verhältnis von Mann und Frau aber gesellschaftlich stark verändert. Der Bereich des Weiblichen hat eine Aufwertung erfahren. Das Verhältnis von Mann und Frau ist neu definiert worden als ein gleichberechtigtes. Der Bereich des Weiblich-Sexuellen hat eine Öffnung erfahren. Diese Entwicklung wird nun aber auch Auswirkungen auf unser Gottesbild und unsere Gotteserfahrungen haben müssen. Gott muss wieder ganz werden – d.h. das ist er von sich her gewiss immer geblieben – aber aus unserer menschlichen Perspektive gesehen heisst dass: Unsere Gottesbilder müssen wieder ganzheitlich werden. Das Weibliche muss zurück in den Bereich des Göttlichen gelangen. Nur wenn das geschieht, kann der christliche Glaube in unserer Gesellschaft glaubwürdig dazu beitragen, dass Menschen, die näfäsh sind und ausgetrocknete Wüstenbrunnen, die Erfahrung lebendigen Wassers machen können.

Dieses ganzheitliche Gottesbild ist aber in der Bibel durchaus immer vorhanden geblieben. Wenn auch die Bibel von Männern geschrieben wurde, die Kinder ihrer patriarchalischen Zeit waren, so muss man sagen: Die Sprache, die Bilder und die Geschichten der Bibel sind zwar männlich geprägt, aber keineswegs durchgehend. Menschen haben Erfahrungen mit Gott gemacht und haben diese Erfahrungen durch ihre Brille gesehen und überliefert. Doch trotz der Brille: Gott bleibt ein und derselbe und der Ganze. Es gibt Stellen in der Bibel, wo uns Gottesbilder begegnen, aus denen das Weibliche nicht ausgeklammert wurde. Es sind dies gerade auch jene Stellen, die uns Wesentliches zum biblischen Menschenbild sagen.

3. Der Mensch ist Ebenbild Gottes
Im ersten Kapitel des Genesisbuches finden wir jene Stelle, wo Gott am sechsten Schöpfungstag
den Menschen erschafft. Doch eigentlich erschafft er nicht DEN Menschen. Es heisst: Als Mann
und Frau schuf er sie. Wörtlich aus dem Hebräischen übersetzt heisst es da: Dann sprach Gott
(Gott heisst hier Elohim – ein eigentlicher Ausdruck der Mehrzahl): Wir wollen Menschen
machen in unserem Ebenbild...
Dann erschuf Gott den Menschen in seinem Ebenbild. Männlich und weiblich schuf er sie. Ganz klar kommen hier zwei Dinge zum Ausdruck:
1. In Gott selbst ist erotische Gemeinschaft und 2. Mann und Frau sind in ihrem Bezogensein
aufeinander Gottes Ebenbild. In Liebe aufeinander bezogen können sie neues Leben entstehen lassen, wie ja ihr Schöpfer sie selbst als neues Leben entstehen liess. In dieser Geschichte erweist sich Jahwe als ein hocherotischer Gott, der den Menschen als ein erotisches und zugleich transzendentes Wesen erschafft. Denn durch die Gottebenbildlichkeit verweist der Mensch über seine sterbliche Geschöpflichkeit hinaus – als erotisches Wesen.

4. Der Mensch ist ein Gegenüber
Eine andere, weitaus bekanntere Stelle finden wir gleich danach im 2. Kapitel des Genesis-Buches: Die Geschichte mit der Rippe. Hier liegt ein Paradebeispiel einer Vermischung von patriarchalischem und ganzheitlichen Vorstellungen vor. Bereits in biblischer Zeit falsch am hebräischen Urtext vorbei interpretiert, ist dies meiner Meinung nach einer der faszinierendsten
Mythen, der uns über die Beziehung von Mann und Frau, und Gott vorliegt. Um es gleich vorwegzunehmen: In diesem Text steht nicht drin, dass der Mann vor der Frau erschaffen wurde. Es heisst: Gott schuf Adam. Adam heisst nichts weiter als von der Erde genommen. Dieses Wesen hat noch kein Geschlecht. Gott bemerkt, dass das nicht geht und will dem Wesen ein Gegenüber geben. Er lässt es in einen Tiefschlaf fallen, entnimmt ihm eine Rippe und bildet aus der Rippe Eva. Der Rest wird dann erst zum Mann. Erst durch sein Gegenüber, Eva wir er zu einem sexuellen Wesen. – Dies gehört wohl zu den besonders berührenden Stellen der hebräischen Bibel: Gott befreit Adam aus seiner Einsamkeit: Der soeben erst entstandene Mann jubelt: „Das ist nun endlich Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch!„ Und wie zur Bestätigung der unbefangenen Sinnlichkeit fügt der Autor hinzu: „Beide waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander.“ Und dann geht die Geschichte weiter: Der Sündenfall. Eindrücklich wird nun geschildert, was soziokulturell und psychologisch auch heute noch Wirklichkeit ist. Der ursprüngliche Zustand der Ebenbürtigkeit von Mann und Frau, und damit die gute Beziehung zu Gott gehen verloren. Die Menschen überschreiten ihre Grenzen, Adam schiebt die Schuld Eva in die Schuhe – denn diese gab ihm ja von der verbotenen Frucht zu essen. Männlich und weiblich geraten ins Ungleichgewicht und sie werden aus dem Paradies vertrieben. Als Konsequenz müssen sie die Rollen übernehmen, die in allen patriarchalischen Systemen zu beobachten sind: Der Mann herrscht über die Frau und übernimmt den Bereich der Arbeit in der Welt, die Frau wird dem Manne untertan und auf den häuslichen Bereich reduziert. Erst jetzt bemerken sie, dass sie nackt dastehen und sie schämen sich voreinander. Und was geschieht dann als erstes? Adam «erkennt» Eva. Das heisst biblisch gesprochen: Sie schlafen miteinander. Es ist gerade so, als ob sie dadurch dem paradiesischen Urzustand wieder nahe kommen wollten. Dieser Sexualakt hat darum hier eindeutig eine spirituelle Dimension. Die sexuelle Begegnung ist nicht eine Folge der Sünde, sondern durch die personal-sexuelle Begegnung soll die Sünde, der Abfall von Gott wieder aufgehoben werden. In diesem Akt des «Erkennens» wie es der Hebräer ausdrückt, überschreiten die Menschen ihre eigenen Grenzen zurück zu Gott , zum Paradies.

5. Der Mensch ist sein Leib
Das biblisch- hebräische Menschenbild unterscheidet sich ganz wesentlich vom griechischplatonischen, das noch heute seine Auswirkungen zeigt. Die ganze Frage um die Leibfeindlichkeit und die damit verbundene Lustfeindlichkeit in der christlichen Tradition geht wesentlich auf die griechische Vorstellung der Trennung von Leib und Geistseele zurück. Demnach ist der Leib, die Materie weniger wert als die Seele. Der Körper wird gar als ein Grab der Seele bezeichnet. Für den Hebräer ist der Mensch nicht zusammengesetzt aus einem Körper und einer Seele. Der Mensch ist sein Leib. Mensch sein heisst im Leib sein. Seelische und körperliche Dimension können nicht unabhängig voneinander erlebt werden. Dieses biblische Verständnis des Menschen kommt dem heutigen Verständnis des Menschen als eine psychosomatische Einheit nahe. Leib und Seele sind aber für den Hebräer etwas ganz anderes, als für uns heuitge Menschen, die wir immer noch stark von der griechisch-platonischen Vorstellungen geprägt sind. Der biblische Mensch kennt keinen Ausdruck für Körper oder Seele allein. Es wird zwar zwischen Leib und Seele des Menschen unterschieden, aber nicht im Sinne einer Zweiteilung, sondern als verschiedene Aspekte einer psychosomatischen Ganzheit. Wie also der gesamte Mensch näfäsh ist, so ist auch der gesamte Mensch basar (Fleisch). Daher erhält auch das Wort „und sie wurden zu einem Fleisch„ seine neue Dimension: Durch den Liebesakt werden Mann und Frau zu einem neuen Wesen vereint, zu einem basar, zu einem Fleisch. In dieser Vereinigung kommen sie Gott wesenhaft nahe, denn in Gott waren sie ursprünglich eins.
Nicht nur das Alte, auch das Neue Testament hält an dieser Sichtweise des Menschen fest.
Paulus verteidigt die Leiblichkeit des Menschen gegen leibabwertende Einflüsse aus dem
griechischen Kulturbereich. Von daher kommt auch die Vorstellung der leiblichen Auferstehung in ein neues Licht. Der Körper ist etwas Heiliges. Er ermöglicht es einem Menschen, Person zu sein. Er dient als Mittel, sich von anderen zu unterscheiden und mit ihnen in Kontakt zu treten. Die Leiblichkeit des Menschen erfährt darum im christlichen Glauben eine unerhörte Aufwertung und Heiligung. Er ist nicht das Grab, sondern der Tempel unseres Wesens, und auch des göttlichen Geistes, den er uns nach dem Mythos von Genesis 2, einblies.
Zum hebräischen Leibverständnis des Menschen kommt nun durch das neue Testament und die darauffolgende Interpretation noch ein Weiteres hinzu, das wesentlich ist : Die Vorstellung von der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus: Geboren aus dem heiligen Geist und der Jungfrau Maria. Der heilige Geist ist im Hebräischen ein weiblicher Begriff: Ruah. Als Bild ist das Geschehen tiefenpsychologisch unerhört interessant: Der Sohn Gottes, das Männliche, wird aus einer menschlichen Frau und der heiligen Geistkraft geboren. Jesus wahrer Gott und wahrer Mensch, heisst es im späteren Dogma des Konzils von Chalcedon. In keinem anderen Bild eines erotischen Aktes könnte das göttlich-menschliche und weiblich-männliche, schöpferische und erotische Prinzip eindrücklicher zur Geltung kommen. Wie schade, dass die kirchliche Tradition die Geschichte des Lukasevangeliums später so verkannt hat, und die Idee von der jungfräulichen Empfängnis isoliert und biologisiert hat. Die Abwertung der weiblichen, aber auch der männlichen Sexualität ist dadurch quasi biblisch fixiert worden – ein verhängnisvolles Unrecht, wie ich meine.
Der Glaube an die Menschwerdung Gottes, der Glaube, dass Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott ist, hat für uns Menschen mindestens vier entscheidende Konsequenzen:
1. Unser Leib wird von Gott angenommen und für gut befunden.
2. Durch den Akt der Auferweckung Jesu von den Toten, haben auch wir in unserer
sterblichen Leiblichkeit Anteil.
3. Wenn wir Jesus nachfolgen, kann Gott auch in uns selbst Mensch werden so dass auch
wir wahrer Mensch werden.
4. Im Akt der Menschwerdung hat Gott Mann und Frau gleichermassen erlöst.

II. Eros und Sexualität in der Bibel

Stärkt mich mit Traubenkuchen,
erquickt mich mit Äpfeln,
denn ich bin krank vor Liebe!
Sein linker Arm liegt unter meinem Kopf,
mit seinem rechten umarmt er mich.
Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems,
bei den Gazellen und Hirschkühen des Feldes:
Stört nicht die Liebe,
schreckt sie nicht auf,
bis sie selbst es will! (Hld 2,1-3)
Das Hohelied schildert in blumiger Sprache die erotische Beziehung zwischen Frau und Mann.
Die Menschen im Alten Israel betrachteten den Bereich des Sexuellen hauptsächlich als etwas
Natürliches und keineswegs als etwas, das tabuisiert werden muss. Dazu kommt, dass im Hohen Lied ganz klar zum Ausdruck kommt, dass es sich um eine voreheliche Liebesbeziehung handelt. „Komm, mein Geliebter, wir gehen hinaus aufs Feld, dort schenke ich dir meine Liebe. „Spricht so eine Ehefrau zu ihrem Ehemann?„, fragt der Alttestamentler Herbert Haag zu Recht. Und meint: Im Hohen Lied wird die erotische Liebe in sich und ohne Nachkommenschaft besungen. Eindrücklich ist auch die initiative Art der jungen Frau. Da ist nichts von Verdrängung weiblicher Erotik zu spüren.
Obwohl die Israeliten zur Sexualität im allgemeinen ein natürliches Verhältnis hatten, empfanden sie dennoch eine gewisse Angst vor dem sexuellen Umgang. Der Geschlechtsverkehr wurde von gewissen Kreisen als ein Geschehen betrachtet, bei dem der Körper verunreinigt wird. So heisst es im Buch Levitikus: Liegt ein Mann bei einer Frau und erfolgt Samenerguss, so müssen sie sich in Wasser baden; sie sind unrein bis zum Abend. Diese zunächst hygienischen Reinheitsvorschriften erlangten als kultische Weisungen religiöse Bedeutung. Erst kultische Reinheit befähigte die Priester zum Umgang mit dem Göttlichen.
Hier haben wir es aber mit einem Phänomen zu tun, das ich nicht spezifisch Biblisch nennen
würde. So stimmen diese levitischen Reinheitsvorschriften z.B. mit den Sexualdoktrinen der
stoischen Sexuallehren überein.
Auf jeden Fall blieb das Alte Testament aber in seinem Grunde der Sexualität gegenüber positiv eingestellt. Sehr deutlich bringt es zum Ausdruck, dass sexuelle Hingabe ein für den ganzen Menschen durchdringender Erkenntnisvorgang bedeutet. Während wir heute sagen: «Sie hatten Sex» braucht die Bibel den Ausdruck: «Sie erkannten einander». Natürlich gibt es auch jene Geschichten in der Bibel, wo von einer einseitigen, sexuellen Betätigung die Rede ist bis hin zur Vergewaltigung. Nie wird aber damit ausgedrückt, was mit «erkennen» gemeint ist: Nämlich eine ganzheitliche Begegnung, die auf der körperlichen, emotionalen und spirituellen Ebene erfolgt. Die Frage nach der Sexualität hat im Neuen Testament keine wesentlich andere Bedeutung bekommen, als im Alten. Jesus selbst äussert sich nie direkt dazu. Doch sein ganzes Verhalten und seine Botschaft der Liebe geben uns Hinweise darauf. Er zeichnete sich durch sein natürliches Verhalten gegenüber Frauen aus. Er behandelte Frauen völlig unbefangen, anders als das patriarchalische Umfeld. Paulus lebte ehelos und meinte auch, dass das die bessere Lebensform sei. Heiraten sei aber immer noch besser, als Unzucht treiben.
Man muss aber dazu sagen, dass das Neue Testament sich kaum für die Fragen der Sexualität interessiert, da es von einer endzeitlichen Stimmung geprägt ist. Man glaubte das Reich Gottes stünde kurz vor dem Hereinbrechen, d.h. in wenigen Monaten oder Jahren. Ob auch Jesus zölibatär lebte, ist ungewiss. Es gibt Hinweise darauf, aber es gibt auch Hinweise,
dass seine Verbundenheit mit Maria von Magdala erotischer Natur war. Ob diese besondere Seelenfreundschaft je auch ihren genitalen Ausdruck fand, ist eigentlich unwesentlich. Seine Beziehung zu ihr war anders, als mit den übrigen Jüngerinnen und Jüngern, das bringt besonders das Johannesevangelium zum Ausdruck. Dort begegnet der auferstandene Jesus als erster Maria Magdalena . „Maria„ ruft er sie beim Namen – da erkennt sie ihn, heisst es. Und Jesus spricht: Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht zu meinem Vater aufgefahren. Sie wollte ihn wohl umarmen – aber er war nicht im irdischen, sondern im verklärten Leib anwesend.
In einem apokryphen Evangelium ist von der innigen Liebe zwischen Jesus und Maria Magdalena ausdrücklich die Rede. Es heisst, dass Jesus sie mehr liebte als die anderen Frauen und sie über geheime Dinge unterrichtete, die er nicht einmal Petrus kundtat.
Mag es nun gewesen sein, wie es will, wesentlich ist, dass wir von Jesus keine sexualfeindlichen Äusserungen kennen. Kein Wort über oder gegen Selbstbefriedigung, vorehelichen Sex oder Homosexualität. Auch kein Wort darüber, dass ein geistliches Leben mit einer sexuellen Beziehung unvereinbar sei
. Gegen das Argument, dass nur Männer Priester sein können die zölibatär leben, müsste man eigentlich in derselben Logik konsequent sagen: „Dann muss der Papst aber schnell heiraten, denn Petrus hatte ja schliesslich auch eine Schwiegermutter und damit eine Ehefrau, wie es im Neuen Testament ausdrücklich bezeugt ist. Man müsste hier der Vollständigkeit halber noch einiges anfügen, aber wesentlich im Blick auf unsere Frage ist die Grundbotschaft des ganzen Evangeliums: Der christliche Glaube ist ein Glaube an einen Gott, der uns Menschen befreien will. Erlösung und Befreiung bereits in diesem Leben, das ist die Botschaft Jesu, der predigt, dass das das Reich Gottes ist nahegekommen sei. Es beginnt im Hier und jetzt, bei dem der sich Gott zuwendet und Christus nachfolgt. Als Zeichen für die leiblich-seelische Befreiung sind uns die zahlreichen Krankenheilungen und Dämonenaustreibungen von Jesus überliefert. Er war nicht nur Prediger – er war ebenso Heiler.
Wer sich seinem Weg anschliesst, wird leib-seelische Heliung erfahren. „Einer ist Arzt„, beginnt
ein altkirchliches Glaubensbekenntnis und damit ist Jesus gemeint. Der Freund der Armen, der
Frauen, und der Sünder. Er hat uns leiblich vorgelebt, dass Gott Liebe ist. Martin Buber sagt:
„Wenn wir auf Gottes Liebe in der Liebe Jesu treffen, dann treffen wir nicht auf Agape, im
Unterschied etwa zum Eros... Vielmehr geht es hier um eine ausgewählte Form erotischer
Attraktion„.

III. Sexualität und Spiritualität

Was hat eine sexuelle Begegnung mit Gotteserfahrung zu tun? Ich denke, viel. Wesentliches ist jetzt bereits dazu gesagt worden. Und wir haben gesehen, wie zwei Menschen in ihrem erotischen Begehren zueinander und in ihrem sexuellen Erleben über sich hinaus auf Gott verweisen. Es bleibt noch die Frage, ob denn jede sexuelle Begegnung ein Verweisen auf Gott ist. Jenseits aller moralischen Bewertungen möchte ich da aus biblisch-christlicher Sicht feststellen: Sexuelle Begegnung als ein spirituell-transzendentes Erleben ist nur da gegeben, wo sie in einer ganzheitlichen Dimension geschieht: D.h. auf der körperlichen, emotionalen und spirituellen Ebene in der gegenseitigen Hingabe zweier gleichberechtigter Menschen. Das heisst nicht, dass nun sexuelle Begegnungen, die nur auf einer körperlichen nicht aber emotional-spirituellen Ebene basieren, minderwertig oder sündhaft wären. In gewisser Hinsicht ist durchaus jede Art sexueller Begegnung ein Ausdruck für etwas, das über den Einzelnen hinaus auf seinen Schöpfer verweist. Aber das, was der biblische Mensch mit «erkennen» ausdrückt, schliesst immer auch die spirituelle Dimension mit ein. Dies macht die eigentliche Sakramentalität einer sexuellen Beziehung aus, was sich ja keineswegs auf Eheleute beschränken muss.
Ein eindrückliches Beispiel für eine solche leiblich-seelisch-spirituelle Begegnung zwischen einem
Mann und einer Frau ist uns im Buch Tobit überliefert. Die junge Sara wurde bereits sieben Mal
verheiratet und jedes Mal kam der Mann in der Brautnacht auf geheimnisvolle Weise um, noch bevor sie miteinander schliefen. Der nächste Kandidat, Tobias, fürchtet sich schrecklich vor dem bösen Geist Aschmodai, der jeweils in der Hochzeit den Bräutigam tötet (er ist im Grunde ein «Teil» von Sara, jungianisch ausgedrückt ihr unerlöster Animus). Nun hat Tobias aber etwas, die anderen Männer vor ihm nicht hatten: Er hat ein Mittel, seine Angst und die Angst Saras vor dem Männlichen zu vertreiben. Diese Angst ist es nämlich, die eine sexuelle Begegnung unmöglich macht. Tobias tut zwei Dinge: 1. Er verbrennt Herz und Leber eines Fisches, um die Macht des Geistes Aschmodai zu bannen. 2. Er betet mit Sara um den Segen Gottes für ihre eheliche Gemeinschaft. Nicht um der Sinneslust willen nähme er Sara zur Frau, sondern aus aufrichtiger Liebe. Das Verbrennen der Eingeweide verdeutlicht ein mystisches, spirituelles Geschehen des Zusammenkommens der beiden. Das gemeinsame Gebet bringt zum Ausdruck, dass sie - beide gleichberechtigt – ihre Beziehung auf ein spirituelles Fundament setzen und sie somit Gott anvertrauen. Tobias nähert sich Sara nicht als Mann, der zuerst nur das berühmte «Eine» will, sondern er nähert sich ihr auf der spirituellen Ebene zuerst. Er respektiert Sara zuerst als seine Liebes- und Seelenpartnerin. Die Angst Saras, nur um der puren Fleischeslust eines Mannes wegen benutzt zu werden verflüchtigt sich, wie der böse Geist Aschmodai. Die beiden schlafen miteinander und Tobias überlebt die Brautnacht.
Liebe ist eine Erfahrung von Gott und Tod. Beide Erfahrungen weisen den Menschen über sich
selbst hinaus. In der sexuellen Vereinigung, die auf einer leiblich-, seelisch und spirituellen Basis geschieht, wird die Ich-Grenze des Menschen aufgehoben. Mann und Frau kehren zu ihrem göttlichen Urgrund zurück, wo sie einst herkamen und eins waren. Die eigene Identität wird nicht aufgehoben, aber sie wird intensiver und tiefer erfahren. Dies ist nichts anderes als ein mystisches Geschehen, eine unio mystica mit dem Geliebten/ der Geliebten und mit Gott. Diese Vereinigung mit Gott ereignet sich auf der Ebene des Geschöpflichen. Das Geschöpfliche aber ist das Medium, das Gott uns geschenkt hat, damit ein Mensch sich mit ihm vereinigen kann.
Lege mich wie ein Siegel an dein Herz,
wie ein Siegel an deinen Arm!
Denn stark wie der Tod ist die Liebe,
hart wie die Unterwelt die Leidenschaft.
Wenn er mich doch küsste mit den Küssen seines Mundes!
Denn besser als Wein ist deine Liebe.
Nimm mich mit! Laufen wir weg!

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