Susanne Kabisch
Humonde 1/2004
Den Chiemgauern der Chiemgauer
Prien, neunzig Kilometer von München entfernt, zehntausend Einwohner,
Kurort mit See und Alpen, gepflegten Häusern und Anlagen, Kurkliniken,
Modegeschäften, Heimatkunst, Delikatessen, Cafés, Hotels, ist besonders
im Sommer ein beliebtes Touristenziel. Seit einem Jahr gibt es dort eine
weitere Attraktion: Den Chiemgauer, eine Komplementärwährung für den
Chiemgau. Betrieben wird das Projekt von einigen Schülerinnen und ihrem
Wirtschaftslehrer an der Waldorfschule im Ort. Die Autorin war vor Ort und
hörte sich um, wie das geht mit dem regionalen Gutscheingeld. Zuerst war
Susanne Kabisch in einer Bäckerei.
Lieselotte Gerlmeier ist Verkäuferin in der Bäckerei Miedl, seit etwa einem
Jahr gibt es in ihrer Kasse auch ein Fach für den Chiemgauer kleine,
bunte Scheine, die entweder einem, fünf, zehn oder zwanzig Euro
entsprechen. Manche Kunden verwenden sie bereits, um Brot, Brötchen
und Kuchen zu kaufen oder Kaffee zu trinken. Am Anfang waren es vor
allem Schüler und Lehrer der nahe gelegenen Waldorfschule, wo der
Chiemgauer erfunden wurde. Inzwischen zahlen auch Touristen ihr
Frühstück schon mal mit Chiemgauern. Frau Gerlmeier bestätigt: Von den
Fremden habe ich auch schon einiges gehabt, die haben sich erkundigt, wo
man das zu kaufen bekommt und wie das Ganze funktioniert, und da habe
ich sie zur Waldorfschule geschickt.
Nur ein paar Minuten vom Bäckerei-Café entfernt liegt der Ort, an dem die
Gutscheine entstehen. Das lang gestreckte, einstöckige Gebäude war
früher das Kreiskrankenhaus, auf dem Dach thront ein altes
Uhrentürmchen, an dem die Schule schon von weitem zu erkennen ist. Wie
in allen Einrichtungen der Waldorf-Pädagogik dominieren auch hier
Pastelltöne und Holz. Gesang ist zu hören aus einem Klassenzimmer,
Geigenspiel aus einem anderen, doch wenn es zur Pause geht, klingen die
Schülerstimmen hier genau so wie überall.
In einem Projektraum im ersten Stock liegt die Geschäftsstelle des
Chiemgauer regional. Hier werden die bunten Gutscheine gedruckt, mit
Sicherheitsmerkmalen versehen, ausgegeben und wieder angenommen.
Hier sitzen Buchhaltung, Vertrieb und Geschäftsführung des jungen
Unternehmens, das gleichzeitig auch Teil des Unterrichts ist. Alle
Arbeitsplätze sind besetzt, es wird recherchiert, getippt und diskutiert.
Anna Seibt legt letzte Hand an eine Infotafel für eine Veranstaltung, auf der
die Schülerinnen das Regiogeld vorstellen werden. Anna: Hier sieht man
den Kreislauf, wie der Chiemgauer funktioniert, und einen Chiemgauer in
Großformat und verschiedene Zeitungsartikel und Fotos von uns und eine
Chiemgauer-Kundenliste. Da sind die ganzen Unternehmen aufgelistet, die
bei uns mitmachen.
Es ist eine Liste mit über hundert Teilnehmern: Lebensmittel- und
Bekleidungsgeschäfte, Buchläden, Optiker, Steuerberater, Hotels,
Restaurants, Dienstleister im Gesundheitsbereich, sie alle nehmen für ihre
Arbeit auch Chiemgauer an. Anna und ihre Kolleginnen sind stolz darauf,
dass die Sache, die sie ins Rollen brachten, so gut funktioniert. Im Oktober
2002 hat sich das Schülerunternehmen gegründet im Rahmen eines
Unterrichtsprojekts der Oberstufe. Christian Gelleri, Wirtschafts- und
EDV-Lehrer, hat es angeboten und sechs Schülerinnen, die gern
zusammenarbeiten wollten, waren sofort davon begeistert. Jede von ihnen
ist seitdem für einen Unternehmensbereich zuständig. Anna hat sich mit
dem Logo für das Unternehmen beschäftigt, und jetzt lacht ihr von jedem
Gutschein und jedem Infoblatt ihre Zeichnung entgegen: ein offener Bogen,
durchkreuzt von einer schwungvollen Schleife.
Anna Seibt weiter: Dieser Bogen steht für die Region, also für den
Chiemgau, und die Schleife, die sich nach oben zieht, für den Erfolg und
das Aufsteigen des Unternehmens.
Die sechs Schülerinnen investieren eine Menge Freizeit in ihr Projekt, es
gefällt ihnen, etwas zu bewirken in ihrer Umgebung. Das Gutscheinssystem
soll dazu beitragen, dass mehr Geld in der Region bleibt und
ortsansässigen Unternehmen nützt, zur Gründung neuer beiträgt und für
gemeinnützige Projekte zur Verfügung steht. Der Chiemgauer soll bewirken,
dass Geld einen anderen Kreislauf nimmt als den zurzeit vorherrschenden.
Wirtschaftslehrer Christian Gelleri gibt weitere Erklärungen: Das Problem
ist, dass regionale Kreisläufe immer mehr auseinanderfliegen durch die
Globalisierung. Und darauf braucht es eine Antwort, wenn wir wollen, dass
es in der Region noch eine Wirtschaft gibt, eine klein strukturierte
Wirtschaft, eine dezentrale Wirtschaft. Früher waren neunzig Prozent
regional, heute sind es vielleicht noch zehn Prozent, die Welt ist auf den
Kopf gestellt. Noch nie war die Umweltverschmutzung so groß, noch nie
waren die sozialen Probleme so hoch und noch nie war die Regionalität so
gering.
Viele Eltern an der Schule begrüßen das Projekt und fördern einen Verein,
der die Gutscheine in Umlauf bringt. 230 Vereinsmitglieder abonnieren den
Chiemgauer oder holen sich die Gutscheine an einer der Ausgabestellen
ab. Andere Vereine in Prien haben sich dem Netzwerk angeschlossen, und
so wandern mittlerweile im Monat rund fünftausend Euro in Form von
Chiemgauern in Prien und Umgebung in Unternehmen, die, wie ihre
Kunden, regionale Strukturen stärken wollen.
Auch Rainer Paul holt sich jeden Monat neue Chiemgauer, denn er sieht im
Gutschein-Geld eine Möglichkeit, als Kunde ein bisschen mehr Einfluss zu
nehmen auf das Wirtschaftsgeschehen: So wie mit Geld umgegangen wird,
dass Geld selber zur Ware wird, dem was entgegenzusetzen, das finde ich
gut. Und dann finde ich gut, dass es mit dem Chiemgauer nicht möglich ist,
auf Zinsen zu spekulieren und Geld zu horten. Geld darf keine Ware sein.
Auch Helga Würmser, Inhaberin eines kleinen Schuhgeschäftes am Ort, hat
sich dem Chiemgauer angeschlossen, weil ihr die Idee einleuchtet und weil
sie die Waldorfschule unterstützen möchte: Ich kaufe jetzt mehr im
Bioladen und in solchen Läden, wo ich meine Chiemgauer wieder
unterbringen kann. Ich tausche das ja um und gehe dann in diese
Geschäfte. Es gibt ja genug hier und da gehe ich auch vermehrt hin. Ich
muss das ja wieder los bringen, sonst muss ich ja fünf Prozent zahlen.
Und das ist der Haken und der Clou am Chiemgauer: Es ist eine Währung
mit Umlaufsicherung. Damit die Scheine tatsächlich von einer Hand zur
anderen wandern, sind sie so gestaltet, dass die Kunden sie nicht lange
behalten mögen, sie verlieren nämlich jedes viertel Jahr zwei Prozent an
Wert. Die Gutscheine entsprechen eins zu eins dem Euro, aber wer die
Chiemgauer wieder in Euro einlösen will, bekommt nur 95 Prozent zurück.
Der Differenzbetrag ist für soziale Projekte und deckt die Kosten des
Schülerunternehmens.
Helga Würmser hofft, dass auf längere Sicht alle Chiemgauer-Unternehmen
mehr umsetzen, weil sie dadurch neue Kunden gewinnen: Erstmal muss
man dem eine Chance geben, das muss sich erst einspielen.
So geduldig und optimistisch sind nicht alle Geschäftsleute in Prien. Viele
haben vom Chiemgauer gehört, wissen aber nicht richtig darüber Bescheid,
andere halten ihn mehr für eine touristische Attraktion und manche sehen
für sich keinen Sinn in einer Teilnahme an dem System. Ein Geschäftsmann
zum Beispiel sieht das so: Ich brauche ja keine zweite Währung, um in den
Geschäften einkaufen zu können, in denen ich gern einkaufe. Ich kann nur
soviel Geld ausgeben, wie ich habe und wie ich ausgeben will, und dafür
verlasse ich normalerweise die Region nicht. Ich brauche niemand, der mir
sagt, ob ich immer vom Umsatz drei Prozent für soziale Einrichtungen
spenden will, das entscheide ich privat, wem ich das gebe, und wann ich
das gebe, und wie viel ich gebe. Fünf Prozent vom Umsatz, wenn alles über
Chiemgauer laufen würde, da würde keiner mehr mitmachen, das kann sich
kein Unternehmer leisten, fünf Prozent vom Umsatz einfach wegzugeben.
Würde in einem Unternehmen aber tatsächlich alles über Chiemgauer
laufen, hätte sich seine wirtschaftliche Situation bereits positiv entwickelt,
meint Christian Gelleri, der Wirtschaftslehrer. Wie ein solches
Zukunftsszenario aussehen könnte, macht er deutlich anhand eines
extremen Beispiels, dem Buchhandel, der wegen der Buchpreisbindung und
seiner Abhängigkeit vom Großhandel nur eine ganz geringe Gewinnspanne
hat: Wenn man langfristig sagt, hundert Prozent Umsatz in Chiemgauern
beim Buchhandel, dann würde ich auch sagen, dann macht man einen
Großhandel in Chiemgauern, dann beliefern wir unsere fünfzig
Buchhandlungen mit unserem eigenen Chiemgauer-Großhandel, dann
reden wir nicht mehr über zwanzig Prozent Spanne, sondern über vierzig
oder fünfzig Prozent, die sich der Großhändler und der Einzelhändler teilen
können. Beide können ihre Mitarbeiter und ihre Mietkosten auch in
Chiem?gauer zahlen, so löst sich das wieder auf.
Eines der Priener Unternehmen experimentiert bereits damit, einen Teil der
Löhne in der alternativen Währung auszuzahlen. Und zum Beispiel in der
Gastronomie würde sich der Chiemgauer schon lohnen, wenn dadurch nur
ein Prozent neue Kunden gewonnen würden. Im Durchschnitt liegt die
Belastung für die Teilnehmer am Gutscheinnetzwerk derzeit bei dreißig
Euro im Monat ein Betrag, der durch höheren Umsatz schnell
ausgeglichen ist, als Werbung verbucht oder einfach als Spende für einen
guten Zweck angesehen wird. Es gibt auch Geschäftsleute in Prien, die
nicht daran glauben, dass der Chiemgauer auf Dauer funktioniert, die aber
die Initiative der Schüler begrüßen. Gemeinsam ist allen, die den
Chiemgauer unterstützen, dass sie etwas verändern möchten in der
regionalen Wirtschaft.
Der Chiemgauer bringt jedenfalls Bewegung in den Handel. Das hat auch
der Vorsitzende des Gewerbevereins erkannt und sich mit seinen
Geschäften dem Gutscheinsystem angeschlossen. Manche Priener
begrüßen den Werbeeffekt des Chiemgauers, denn das
Schülerunternehmen sorgt für eine Menge Aufmerksamkeit in der Presse.
Auch der Bürgermeister erwähnt gern den Chiemgauer und die Initiative der
Schülerinnen. Der Erfolg des Experiments hängt aber auch davon ab, ob es
gelingt, mit den schnell verfallenden Gutscheinen auf Probleme unseres
Geldsystems aufmerksam zu machen. Die Jugendlichen leisten da
Basisarbeit.
Wenn Mirjam Fochler, Geschäftsführerin des Schülerinnenunternehmens,
neue Kunden wirbt, muss sie manchmal weit ausholen, um zu
verdeutlichen, warum es so wichtig ist, dass Geld ausgegeben und nicht
gehortet wird:
Die meisten Leute denken, ist doch okay, ich leg mein Geld auf die Bank,
dafür kriege ich meinen Zins und wenn ich Geld brauche, dann muss ich
dafür was bezahlen, ist doch klar. Aber was die meisten Leute nicht wissen:
Auf jedes Produkt und auf jede Dienstleistung, die sie bezahlen, müssen sie
ebenfalls Zins zahlen, und das sind zum Teil horrende Prozentanteile.
Unternehmen geben ihre Zinsbelastungen über die Preise an die
Verbraucher weiter. Über solche Zusammenhänge haben sich die
Schülerinnen schlau gemacht. Mirjam Fochler hat viel gelernt aus
Veröffentlichungen und Vorträgen von Margrit Kennedy. Die
Architekturprofessorin ist Expertin auf dem Gebiet alternativer Währungen
und Mitglied eines Beirats, der den Verein mit Wissen und Kontakten
unterstützt. Denn der Chiemgauer regional ist ein Pilotprojekt, auf dem
große Hoffnungen ruhen. Das Team reist zu Vorträgen und Kongressen,
stellt sein Projekt in anderen Schulen vor und muss wachsendes
Medieninteresse befriedigen. Da kommen die sechs Schülerinnen und der
Lehrer schon manchmal an die Grenze ihrer Belastbarkeit.
Cathrin Förster, zuständig für das Marketing, gefällt der Wirbel nicht, den
manche um ihre Arbeit machen: Die Leute wissen ja schon, was man
macht. Aber überall, wo man hinkommt, soll man darüber erzählen. Ich
möchte aber auch mal über etwas anderes reden.
Aber die Schülerinnen sind pragmatisch genug, um zu wissen, dass sie in
diesem Jahr viel weniger Zeit in das Chiemgauer-Projekt stecken können
als bisher, weil es aufs Abitur zugeht. Deshalb werden sie ihre Arbeit Stück
für Stück an jüngere abgeben. Das Team hat viel erreicht im vergangenen
Jahr, ein Regiogeld-Netzwerk hat sich gegründet als Arbeitsplattform für
alle, die eine Regio?nalwährung aufbauen wollen. Und das sind etliche:
Zwölf Regiogeld?initiativen stehen vor der Gründung und rund doppelt so
viele sind in Planung. Das praktische Beispiel Chiemgauer regional ist dabei
für alle von großem Wert. Im Sommer wird es einen ersten Europäischen
Kongress zu Komplementärwährungen geben, und Christian Gelleri hätte
bis dahin gern das Interesse neuer Mitspieler gewonnen, die für das
Funktionieren von Regiogeld von großer Bedeutung sind:
Wenn es uns gelingt, einen Regionalfonds aufzulegen, der zinsgünstige
Kredite zwischen Sparern und Kreditnehmern vermittelt, dann sieht die
Sache wieder anders aus, dann wird es greifbar für die Unternehmer, für die
Kunden. Aber das muss man erstmal als Instrument umsetzen und die
Frage ist, ob das alles unsere Sache ist oder ob das nicht auch eine Sache
einer regionalen Bank ist, da kräftig mitzuhelfen.
Dieser Beitrag erschien in
Humonde 1/2004.
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