Word-File
Jens Hakenes                                                                                 Humonde 1/2004
Regionale Sparkasse plant regionales Geld

Erstmals beschäftigt sich ein deutsches Geldinstitut öffentlich mit dem
Thema Regiogeld. Die Sparkasse des Kreises Delitzsch-Eilenburg nahe
Leipzig hatte prominente Gutachter beauftragt, die ihre Ergebnisse jetzt
vorstellten. Denn die Region hat große Probleme: Fast zwanzig Prozent
Arbeitslose, Betriebsansiedlungen immer seltener, Insolvenzen immer
häufiger, Jugend weg nach Westen. Grund genug für die örtliche
Sparkasse, nicht nur über Hilfe für die regionale Wirtschaft, sondern auch
übers eigene Geschäft nachzudenken. Denn wenn es Arbeitgebern und
Arbeitnehmern schlecht geht, geht es auch der Sparkasse nicht gut.

Mit Geld kennt sich Alfons Föhrenbach gut aus. Er ist Chef der Sparkasse
Delitzsch-Eilenburg. Seit einigen Jahren beschäftigt er sich auch mit den
Schattenseiten des Geldes, spricht über das „Geldsyndrom“ und über die
ständige Umverteilung von Arm zu Reich und darüber, dass man für die
Region etwas tun müsse. Gedacht, gesagt, getan. Er beauftragte einen
prominenten Ökonomen und einen prominenten Juristen mit der Prüfung
der rechtlichen Voraussetzungen für die Einführung von Regiogeld im
Landkreis Delitzsch. Den rechtlichen Aspekt übernahm der ehemalige
sächsische Innenminister Klaus Hardraht, die wirtschaftlichen Fragen
untersuchte Dr. Hugo Godschalk, Geschäftsführer des
Beratungsunternehmens PaySys, Spezialist für bargeldlosen
Zahlungsverkehr. Im März 2004 wurde das Gutachten auf einer
Pressekonferenz vorgestellt.

Vorab referierte die Regiogeld-Expertin und Buchautorin Prof. Dr. Margrit
Kennedy als Gastrednerin über Möglichkeiten, den scheinbar
unausweichlichen Trends der Globalisierung auf regionaler Ebene
erfolgreich zu begegnen. Sie hat weltweit Währungssysteme studiert, die
neben den nationalen Währungen bestehen und den beteiligten Menschen
die Möglichkeit bieten, ihr Leben in sozialer und ökologischer Verantwortung
zu gestalten. Frau Kennedy erklärte, dass komplementäre Währungen sich
sowohl in der Vergangenheit bewährt haben als auch in unserer Zeit
Bedeutung haben. So seien zum Beispiel die gängigen Payback-Karten und
Miles&More-Punkte nichts anderes als Komplementärwährungen, mit denen
man einen Anspruch zum Kauf von Waren oder Dienstleistungen bei
bestimmten Unternehmen erwirbt. Dieses Prinzip ist grundsätzlich auch auf
die Region übertragbar. Die einschlägig erfahrene Professorin sprach auch
über den kleinen, aber folgenschweren Fehler im Geldsystem und fand bei
den anwesenden Bankern und lokalen Interessenvertretern viel
Zustimmung.

Klaus Hardraht erklärte die rechtlichen Rahmenbedingungen für
Komplementärwährungen. Als praktikabelstes Beispiel führte er das
schweizerische WIR-System an, in dem sich während der
Weltwirtschaftskrise vor über siebzig Jahren kleine und mittlere
Unternehmen in einer Genossenschaft zusammengeschlossen haben.
Dieses seither erfolgreich praktizierte Handelssystem empfehle sich für die
Nutzung hier im Landkreis, da es für Unternehmen und Existenzgründer
auch mit beschränkter Eigenkapitaldecke Vorteile bietet: niedrige
Kreditzinssätze zum Beispiel. Wird das System von einem Kreditinstitut
betrieben, das hier neben dem normalen Kreditgeschäft als Informations-
und Verrechnungszentrale tätig wird, steht dem Erfolg grundsätzlich nichts
im Weg. Neben dem ökonomischen Anschub fördere dieses System auch
die soziale Verantwortung für einander.

Dr. Godschalk erklärte die zu einer erfolgreichen Einführung von
Komplementärwährungen nötigen Maßnahmen. Zunächst müsse bei der
Bevölkerung und bei den Unternehmen Vertrauen in die regionale Währung
gewonnen werden. Er betonte, dass die wesentlichen Vorteile einer
Komplementärwährung erst dann zum Tragen kommen, wenn dadurch
regionale Wirtschaftskreisläufe entstehen. Um dieses Ziel zu erreichen,
eignen sich im Prinzip verschiedene Arten von Komplementärwährungen
mit jeweils eigenen technischen Ausstattungen. Dr. Godschalk gab der
Hoffnung Ausdruck, dass die Sparkasse zusammen mit der Bevölkerung
und der heimischen Wirtschaft die richtigen Verfahren herausfinden würde.

Dieser Beitrag erschien in Humonde 1/2004.

Top