Holistische Wirtschaft?
Sie steckt in den Kinderschuhen! 4.4.02
Reflexionen von Willi Maurer, zu Bernard Lietaers
Buch "Mysterium Geld"
Bernard Lietaer, ein Ökonom, der an der Einführung des Euro
mitgearbeitet hat, beschreibt in seinem Buch «Mysterium Geld»,
wie sogenannte Demourrage-Systeme in gewissen Perioden unserer Vergangenheit
zum allgemeinen Wohlergehen beigetragen haben. Im Demourrage-System verliert
gehortetes Geld an Wert und somit besteht ein Interesse, es als Tauschmittel
für Waren zu benutzen (ähnlich wie Silvio Gesell vorschlug).
Lietaer nennt es ein Jing-Währungssystem, im Gegensatz zu Jang-Systemen,
wo gehortetes Geld mit Zinsen belohnt wird. Letzteres sei es, das zu einer
immer grösser werdenden Schere zwischen Arm und Reich beitrage.
Um die Wirkungskräfte, die zu solch ungerechten Systemen führen
und die Möglichkeiten eines Wandels zu gerechteren Modellen aufzuzeigen,
benutzt Lietaer Jungs Archetypen. Er gibt dabei dem Archetyp «Grosse
Mutter» grosse Wichtigkeit. Er bezieht sich immer wieder auf antike
Mythen, wenn er Sätze schreibt wie «Es ist wohl für jedermann
nachvollziehbar, dass die erste Form religiöser Verehrung im Bild
einer schwangeren Frau oder einer Mutter zum Ausdruck kommt, die ihr Kind
stillt». Dabei kommt er meiner eigenen Vision scheinbar ganz nahe.
Doch dann muss Lietaer buchstäblich das geschehen sein, was er selber
in einem Wort des Thomasevangeliums zitiert: «Das Königreich
liegt in Euch und vor Euch. Aber ihr seht es nicht.»
Lietaer belässt es nämlich dabei - wie die meisten Menschen,
die sich mit Mythen und Archetypen beschäftigen - die «Grosse
Mutter» als so etwas wie «allumfassende Natur» zu interpretieren
und «Milch» als geistiges Wissen, das sie vermittelt, oder
die Kraft des Lebens, die sie spendet. Ich stelle immer wieder fest, dass
diese schöngeistige Betrachtungsweise die fundamentale Bedeutung
des ganz banalen An-die-Brust-Nehmens des Neugeborenen ausser acht lässt.
Womit einmal mehr die «Archetypen-Falle», die ich in meinem
Buch «Zugehörigkeit» beschrieben habe, zuschnappt. So
kommt es, dass genau das, was in einer neuen Wirtschaftsordnung grösste
Wichtigkeit haben müsste, gar nicht wahrgenommen und berücksichtigt
wird: dass die Mutter geschätzt und sozial getragen würde, damit
sie sich während der zwei ersten Lebensjahre ihres Kindes ganz diesem
widmen könnte. Diese Wertschätzung beinhaltete nicht nur eine
seelische, sondern auch eine ökonomische Komponente. Wahrscheinlich
könnten immense Nachfolgekosten verhindert werden, die meiner Meinung
nach entstehen, weil die Babies von der Mutter separiert wurden und immer
noch werden. Nachfolgekosten in Form destruktiver Verhaltenstendenzen,
wie Neigung zu Unfall, Krankheit und Suizid, Konsumismus, Hab- und Drogensucht,
Aufrüstung, Kriegs- und Gewalthandlungen (Triebfeder: niemals mehr
solche Machtlosigkeit erleben zu müssen, wie als weggelegtes Baby,
das für sein Aufbegehren auch noch bestraft wurde).
Seit Jahrtausenden finden in Hochkulturen Ver-Ehrungs-Kulte statt. Immer
wieder ist der Archetyp der Grossen Mutter zentrales Thema. Ehrung bedeutet
Achtung erweisen, jemanden schätzen und würdigen um seiner selbt
willen. Verehrung hingegen ist (kultische) Anbetung und geht einher mit
Projektionen unerfüllter Sehnsüchte auf eine Person, Gegenstand,
in eine Ideologie.
Um ein Objekt (oder Prinzip) ehren zu können, ist ein persönlicher,
damit verbundener Erfahrungshintergrund erforderlich. Wie kommt es zur
Ver-Ehrung? Da habe ich nur eine Antwort: Durch Abgespalten-Sein vom Innersten.
Es ist bekannt, dass wir dann etwas abspalten, wenn es für unsere
Seele allzu schmerzhaft ist. Das, was im Menschen aller Hochkulturen am
meisten abgespalten ist, ist das Verlassenheitsgefühl des Babys in
seinen ersten Lebensmonaten. Wer in dieser prägenden Zeit nicht von
der eigenen Mutter getragen und ans Herz genommen wurde, trägt die
Sehn-Sucht nach Ganzheit, Harmonie, Liebe in sich und neigt dazu, diese
Ideale in Symbolen zu ver-ehren. Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit
lässt viele Menschen Zuflucht bei Glaubenssystemen suchen. Mythen,
Gleichnisse, Metaphern und Symbole werden in solche Glaubenssysteme integriert
und von gespaltenen Menschen zitiert, ohne dass sie den wahren Wert erkennen.
Somit ist auch verunmöglicht, dass ein Bewusstseinswandel stattfinden
kann.
Wer die Herkunft der Sehnsucht nicht durch einen Selbsterfahrungsprozess
erkannt und schmerzlich gefühlt hat, wird das vor ihm liegende Königreich
- nämlich die Mutter, die ihren Säugling bei sich am Herz trägt,
und die Konsequenz davon, Friedfertigkeit - nicht sehen können. Dies,
weil nichts in seinem Innersten beim Anblick mitschwingt. Er sieht nur
das Symbol «Grosse Mutter» und ordnet es als «Archetyp»
ein.
Von praktisch allen (auch neuen Ideen aufgeschlossenen) Ökonomen
wird Habgier als angeborenen Trieb gesehen, den es bei Modernisten zu
beherrschen oder, bei Traditionalisten, als Tugend einzusetzen gilt, wenn
es darum geht, den Profit zu erhöhen. Und damit hat es sich.
Wer unfähig ist, sich in das Erleben eines weggelegten Säuglings
einzufühlen, glaubt an die Mär, dass Habgier angeboren ist und
kommt kaum auf den Gedanken, dass diese Eigenschaft das Resultat eines
Mangels in frühester Kindheit sein könnte.
So verwundert es kaum, dass aus Wirtschafts- und aus Frauenkreisen der
Ruf nach Kinderkrippen kommt. Sie sollen den Müttern erlauben, möglichst
früh nach der Geburt ihres Kindes wieder ihrer Berufsarbeit nachgehen
zu können. Dies ist nicht nur Zeichen, wie sehr unsere Gesellschaft
immer noch, betreffend Trennung zwischen Mutter und Kleinkind, ahnungslos
ist, sondern auch wie sehr das gesellschaftliche Handeln davon nachhaltig
geprägt ist. Ein allumfassender Bewusstseinsprozess ist von Nöten.
Ich wünsche mir, dass eine neue Art der Ökumene, jenseits von
religiösen Theorien einsetzt. Es soll nicht nur eine Auseinandersetzung
zwischen offenen Menschen verschiedener Religionen sein, sondern auch
Ungläubige und Menschen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik
mit einschliessen. Mit dem Ziel, unsere menschlichen Ressourcen der Entwicklung
einer neuen Ethik zu widmen.
In einem zukünftigen, wirklich humanen Wirtschaftsmodell kommen wir
nicht darum herum, den Faktor Mutter und Kind zu berücksichtigen.
Ausgehend von Lietaers Modell kämen wir der Sache etwas näher,
würden wir neben den Archetypus «Grosse Mutter» einen
Archetypus namens «Machtloses Baby» einsetzen. In der Grafik
«Holistisches Wirtschaftsmodell» (Siehe Rückseite.) habe
ich diesen Versuch unternommen, indem ich das "Baby" in die
Mitte gesetzt habe. So wird ersichtlich, dass es vor allem er ist, der
die Einflüsse aller andern Archetypen zu spüren bekommt. Forschungen
zeigen sogar, dass schon im Embryostadium angelegter Mangel (auch seelischen)
den Menschen dazu bringt, im Leben mehr bekommen zu wollen, als zur Sättigung
notwendig ist (die Habgier feiert in der Globalisierung Urstände!).
Da er aus der Erfahrung mit den Archetypen (Mutter und Vater) persönliche
Überlebensstrategien entwickelt, die ihm Schutz und soziale Sicherheit
bieten, ist die Figur des "Babys" von zentraler Bedeutung für
unser aller Wohlergehen. Erwachsen geworden, werden es seine Strategien
sein, die künftige Generation nähren oder belasten werden. Strategien
die u.a. auf sozialem Wohlergehen und Kooperation an Stelle von Ausbeutung
und Machtpolitik aufbauen.
Willi Maurer leitet zusammen mit Nicole Sordat das Doné, ein Ort
der Begegnung, wo er seit 20 Jahren Menschen mit Gefühls-und Körperarbeit
begleitet und Aikido unterrichtet (http://home.sunrise.ch/maurer_/). Er
ist Mitglied der HOLON-Arbeitsgruppe "Tiefenpsychologische Zusammenhänge"
(www.holon.ch).
Literatur zum Thema:
Lietaer, Bernard: "Mysterium Geld"; Riemann
Das Joytopia-Modell "Natürliche Ökonomie für weltweiten
Wohlstand in Harmonie mit der Natur", Broschüre, Bezugsadresse:
Joytopia, D-74653 Künzelsau, E-mail: joytopia@aol.com Internet: www.joytopia.net
Maurer, Willi: "Zugehörigkeit. Der verpasste Augenblick - ist
er nachholbar?"; im Selbstverlag
Bezugsadressen: Buch2000, CH-8912 Obfelden, E-mail: buch2000@access.ch,
oder: Willi Maurer, CH-6994 Aranno, E-mail: wimaurer@smile.ch)
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